Nötig und nützlich

Was ist nötig? Etwas, das man unbedingt braucht, das unverzichtbar ist. Zum Leben braucht man Essen, Trinken, Anziehsachen, ein Dach überm Kopf. Und auch weniger handfeste Dinge, Liebe zum Beispiel.

Was ist nützlich? Etwas, das einen Nutzen hat. Wenn ich ein Bild an die Wand hängen will, sind Hammer und Nagel nützlich. Oder nötig?

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“Noethig und nützlich” – das steht an einem Haus in Annaberg.

Lieben und Morden in Innsbruck: “Tirolertod” von Lena Avanzini

“Tirolertod” heißt das Buch, also kann man sich schon denken, dass darin Tiroler sterben. Aber sehr viel mehr verrät der Titel auch nicht, und das ist schade. Ein-Wort-Titel sind manchmal gut, oft ist die Knappheit für die Katz und manchmal einfach nur krampfig. Bei Lena Avanzinis Krimi kommt noch ein langweiliges Cover dazu. Laut Impressum zeigt es das Goldene Dachl bzw. einen Ausschnitt davon. Ich war noch nie in Innsbruck. Das Goldene Dachl gilt also als Wahrzeichen der Stadt? Nun ja. In “Tirolertod” spielt es jedenfalls keine Rolle.

Dabei hätte der Krimi nur das Beste verdient: ein Cover, das sofort alle Blicke auf sich zieht, und einen richtig tollen Titel. Denn der Krimi ist gut. Zur Abwechslung haben wir mal keinen Kommissar im Dienst, sondern einen Kripochef in Rente: Wilfried Heisenberg. Dem ist vor ein, zwei Jahren die Frau gestorben und er hat mit der Gesundheit mehr als nur ein kleines Problem. Dann hätten wir noch Valentina Gasser, auch Rentnerin, aber ziemlich jung drauf. Zusammen mit ihren Freundinnen Marion und Anna strickt sie auf den ersten Buchseiten (stümperhaft) gegen einen geplanten Windpark und plottet ihren ersten Krimi – denn einen Krimi zu schreiben ist ein Traum Valentinas, den sie schon Jahre (bzw. Jahrzehnte) träumt.

Nur dumm, dass die drei Frauen mit ihren Krimiplottereien Geister auf den Plan zu rufen scheinen: Im Handumdrehen stecken sie mittendrin in einem allzu realen Mordfall, der sie alle persönlich betrifft und Geschäftsleute und Politiker der Stadt zum Straucheln bringt. Eine harte Nuss für die Innsbrucker Kripo – wozu auch Ex-Kripochef Heisenberg beiträgt, der am Tag des Mordes auf Valentina trifft, sich Knall auf Fall in sie verliebt, sich in der Folge in die Ermittlungen einmischt – und damit noch mehr Verwirrung stiftet …

Das Buch ist dicht geschrieben, sowohl vom Plot als auch von den Figuren her fesselnd und unterhaltsam. “Tirolertod” ist Lena Avanzinis zweiter Krimi. Mit dem Vorgänger, “Tod in Innsbruck”, hat die Autorin 2012 den Glauser-Krimipreis in der Sparte Debüt gewonnen.

Lena Avanzini: Tirolertod
256 Seiten
Emons Verlag
ISBN 978-3-95451-035-1
9,90 Euro

Niemand hat die Absicht

Das Ägyptische Museum in Leipzig befindet sich in der Goethestraße, im Krochhochhaus. Das Gebäude hat einen offenen Eingangsbereich, früher war das mal eine Passage, durch die man zur Ritterstraße gelangte. Jetzt ist es eine Sackgasse, die noch dazu zweigeteilt ist: durch eine Mauer. Der Eingang zum Ägyptischen Museum liegt links von der Mauer, ziemlich zugebaut sieht das aus. Und warum? Aus “Brandschutzgründen”, da der Nachbar des Museums, eine Kneipe, zwei Fluchtwege braucht und deswegen die Mauer bauen ließ. Das hört sich ziemlich beknackt an, aber hey, wir sind in Deutschland.

Und ändern ließ es sich nicht. Also haben die Ägyptologen das Beste drausgemacht und die Mauer besprüht. Mit ein paar Bildern und einem Satz in verschiedenen Sprachen: “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten”, ja, Walter Ulbricht hat das 1961 gesagt. Humor haben sie ja, die Ägyptologen, oder?

Agyptisches Museum Leipzig

Ägyptisches Museum Georg Steindorff und die Mauer. Linkerhand ist der Eingang des Museums.

Agyptisches Museum Leipzig

Agyptisches Museum Leipzig

Agyptisches Museum Leipzig

“Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten” auf Koptisch, Arabisch, Mittelägyptisch, Latein, Demotisch, Altdeutsch (bzw. Sütterlin), Altgriechisch, Hebräisch, Akkadisch

Corinna Wieja: Kinderbücher schreiben

Corinna Wiejas Kinderkrimi “Detective Invisible” habe ich neulich rezensiert. Nun habe ich ihr noch etliche Fragen zum Schreiben von Kinderbüchern gestellt: woher ihre Ideen kommen, wie sie einen Verlag gefunden hat, welche Rolle das Lektorat für sie spielt usw.
1001 Dank fürs Beantworten meiner Fragen – und los geht’s:

Arbeitest du ausschließlich als Autorin?
Nein, ich übersetze auch Bücher, TV-Werbespots und Marketingbroschüren. Schreiben und Übersetzen machen mir gleichermaßen riesig Spaß, weil es sehr abwechslungsreich ist und ich gerne in Text- und Geschichtenwelten eintauche.

Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Geschichten habe ich mir eigentlich schon immer gerne ausgedacht. Ich habe auch immer gern gelesen. Meistens waren die Bücher schneller ausgelesen als mir lieb war und deshalb habe ich irgendwann auch angefangen, meine eigenen Geschichten aufzuschreiben. Später habe ich mir dann abends beim Zubettgehen Geschichten für meine Kinder ausgedacht. Meine Kinder sind heute noch meine wichtigsten Kritiker meiner Geschichten.

Besuchst du Schreibkurse, Workshops, bist du in Schreibforen unterwegs, hast du eine Schreibgruppe?
Ja, ja, jein und ja. Ohne meine Schreibgruppe, die Löwenherzmädels, drei befreundete Autorinnen, könnte ich mir das Schreiben heute gar nicht mehr vorstellen. Ich habe sie bei einem Exposé-Workshop kennengelernt. Sie lesen meine Texte mit Adlerblick und zeigen mir ungeschönt sämtliche Schwächen auf, die ich übersehen habe. Ihre Meinung zu meinen Geschichten ist mir sehr wichtig. Schreibkurse besuche ich eher selten, aber doch immer wieder mal, um an meinen Schwächen zu arbeiten und von erfahrenen Autoren zu lernen. In einem Schreibforum bin ich eigentlich nicht unterwegs, aber in einem Forum für Kinderbuchautoren, der Schreibwelt. Dort kann ich mich ebenfalls mit anderen AutorInnen austauschen.

Für wen schreibst du?
Ehrlich gesagt in erster Linie für mich ;-). Ich schreibe Geschichten auf, die einfach so in meinem Kopf auftauchen, weil sie sich sonst dort einnisten und ich immerzu dran denken muss. In zweiter Linie für meine Kinder und alle anderen Kinder, weil ich hoffe, dass ich mit meinen Geschichten den einen oder die andere zum Lachen bringen kann.

Welche Bücher schreibst du am liebsten?
Lustige Bücher, aber spannend müssen sie auch sein. Und ich mag Geister.

Was ist von einem Buch zuerst da: eine Figur, die Handlung, eine Szene oder?
Das ist ganz unterschiedlich. Bei meinem Kinderkrimi “Kommissar Unsichtbar” ist die Idee zur Figur eines Geister-Detektivs ganz plötzlich aufgetaucht, als ich in der Badewanne gelegen bin. Da stand er mir bildlich mit seinen gestreiften Hosen und dem Monokel vor Augen und ich habe die Handlung um ihn herumgestrickt. Bei Amanda aus “Dschinntastisch” war es ganz ähnlich. Ich hab sie vor mir gesehen, wie sie mit ihrem Fuß aufstampft und “Ich will aber keine blöden Wünsche erfüllen!”, schreit. Bei anderen Geschichten schoss mir zuerst ein Satz oder eine Situation durch den Kopf und dann erst kamen die Figuren dazu.

Woher kommen deine Ideen?
Auch das ist ganz unterschiedlich. Ein Wort kann ein Auslöser sein oder eine Idee kommt durch die “Was-wäre-wenn-Frage”. Manchmal habe ich beim Spazierengehen oder Putzen plötzlich eine Situation vor Augen, die es weiterzuspinnen lohnt. Aber nicht jede Idee taugt auch für ein Buch.

Wie lange dauert es, ein Buch zu schreiben?
Das lässt sich schwer sagen, weil ich die Buchidee erst einmal eine ganze Weile im Kopf hin und her wende, bis ich die Geschichte quasi wie einen Film vor meinem inneren Auge ablaufen lassen kann. Auch vor dem Überarbeiten lasse ich den Text immer eine Weile “liegen und reifen”, um einen  frischen Blick zu bekommen und zu sehen, ob der Text harmonisch und flüssig klingt . Für “Kommissar Unsichtbar” habe ich mehrere Monate gebraucht. Ich habe immer wieder überarbeitet und neu gefeilt. Ich denke, im Schnitt brauche ich von der Idee bis zum fertigen Buch etwa drei Monate. So lang sind meine Geschichten ja nicht, meistens so etwa 120 bis 150 Seiten. Bei kürzeren Geschichten geht’s schon auch schneller. Kurzgeschichten schreibe ich schon auch mal an einem Tag, wenn ich sie erst mal im Kopfkino klar vor Augen habe. Das Vorlesebuch, das im Juni von mir erscheinen wird, habe ich innerhalb weniger Wochen geschrieben und wieder überarbeitet.

Hast du bestimmte Schreibgewohnheiten?
Ja, ich versuche, das Schreiben fest in meinen Tag einzuplanen. Meistens fange ich den Tag mit meinen Schreibprojekten an und arbeite eine bis zwei Stunden daran, ehe ich die Übersetzungsaufträge bearbeite. Das klappt nicht immer, manchmal gibt es eilige Übersetzungsprojekte oder der Abgabetermin für eine Buchübersetzung steht an. Dann stelle ich meine eigenen Projekte hintenan und versuche abends noch ein wenig zu schreiben. Auch am Wochenende schreibe ich gerne. Zum Schreiben sitze ich eigentlich so gut wie immer an meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer mit einer Tasse Kaffee und einem Teller Keksen in Reichweite. Zum Überarbeiten gehe ich aber gern in die Küche oder ins Wohnzimmer, weil ich festgestellt habe, dass ein Ortswechsel auch meinen Blick für Fehler schärft.

Wie hast du deinen ersten Verlag gefunden?
Ich bin sehr begeistert vom Langenscheidt-Konzept, in Kinderbüchern englische Dialoge mit deutschem Text zu kombinieren, weil man so quasi nebenbei seinen Wortschatz vertiefen kann. Außerdem verbindet es auf wunderbare Weise meine beiden Traumberufe, das Schreiben und Übersetzen. Also habe ich mich entschlossen, “Kommissar Unsichtbar”  auf Deutsch und Englisch zu schreiben. Dann habe ich das Manuskript einfach an den Langenscheidt Verlag geschickt und prompt Antwort vom Lektorat erhalten. Das war wirklich ein Glücksfall, dass Langenscheidt gerade eine solche Idee suchte. Normalerweise braucht man schon sehr viel Geduld und ein dickes Fell, um ein Buch an den Verlag zu bringen. Es gibt sehr viele tolle Ideen und Autoren, aber im Vergleich dazu eben auch nur begrenzt Programmplätze in den Verlagen. Inzwischen habe ich eine Agentin, die meine Ideen und Manuskripte an die Verlage vermittelt.

Was war dein erstes Buch?
“Detective Invisible – Kommissar Unsichtbar” im Langenscheidt Verlag. Vorher habe ich allerdings schon mehrere Gute-Nacht-Geschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

Welche Rolle spielt für dich das Lektorat bzw. der Lektor?
Eine große Rolle. Der Lektor oder die Lektorin lesen das Manuskript ganz unvoreingenommen und mit frischem Blick. Wenn ein Buch das Lektorat überzeugt hat, ist das für mich noch einmal ein großes Kompliment und ein weiteres Qualitätskriterium, denn dann hat es nach meinen Kindern, meinem Mann und meinen Löwenherzmädels eine weitere große Hürde genommen. Und es ist ein schönes Gefühl, wenn man andere von und mit seinen Ideen begeistern kann. Außerdem erhalte ich durch das Lektorat auch Anregungen, die das Buch noch besser machen und mir auch hilfreich für meine zukünftige Arbeit sind.

Wie stellst du dir den “idealen Lektor” vor?
Ich habe bis jetzt nur mit idealen Lektorinnen zusammengearbeitet :-). Sie geben mir konstruktive Kritik, sind Feuer und Flamme für meine Geschichten, behalten den Blick für das Wesentliche, und wenn sie in den Text eingreifen, dann so einfühlsam, dass mein Schreibstil und auch die Botschaft, die ich gerne mit dem Buch vermitteln will, gewahrt bleibt, und das Buch wirklich nur besser dadurch wird.

Was ist dein aktuelles Buch?
Mein aktuelles Buch ist “Detective Invisible – Kommissar Unsichtbar”. Im Februar kam die Anthologie “Meine schönsten Gute-Nacht-Geschichten für 3, 5 und 10 Minuten” im Compact Verlag heraus, für das ich gemeinsam mit meiner netten Kollegin Julia Breitenöder die Geschichten beigesteuert habe. Voraussichtlich im Juni wird ein weiteres Vorlesebuch von mir erscheinen.

An welchem Buch schreibst du gerade?
Gerade fertiggestellt habe ich die Überarbeitung von “Dschinntastisch – das Mädchen aus der gelben Tasche”. Die Idee hat kürzlich bei einem Ideenwettbewerb gewonnen. Jetzt hoffe ich, dass bald ein gedrucktes Buch daraus wird. Außerdem schreibe ich derzeit an einem Buch für Mädchen ab 10, bei dem die Heldin von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert, und habe viel Spaß dabei. Und mehrere Ideen warten in der Schublade auf Ausarbeitung.

Machst du für deine Bücher Werbung, wenn ja, wie?
Hm, ich schreibe auf Twitter und Facebook und in meinen Netzwerken, wenn ein neues Buch von mir erscheint. Ansonsten stehe ich für Lesungen zur Verfügung. Und ich freue mich auch immer, wenn eins meiner Bücher in Blogs oder in Buchshops rezensiert wird.

Kannst du dir vorstellen, in eigener Regie – also im Selbstverlag o. ä. – Bücher zu veröffentlichen?
Hm, ich weiß nicht. Im Moment wüsste ich gar nicht, wie ich das anpacken soll. Ich kenne mich mit Layout und Covergestaltung so gar nicht aus, und wenn ich mir vorstelle, ich müsste mein Manuskript irgendwie in eine druckbare Datei verwandeln – ich glaub, allein damit wäre ich mehrere Tage beschäftigt. Und damit ist es ja noch nicht getan. Man muss sich um die Vermarktung und eingehende Bestellungen kümmern, und bestimmt noch vieles mehr. Ich ziehe den Hut vor jedem, der eine solch große Herausforderung allein meistert. Ich mag mir darum aber keine Gedanken machen. Am liebsten würde ich nur schreiben, der Rest möge sich bitte von selbst regeln :-).

Was hältst du von E-Books?
Finde ich praktisch für unterwegs, vor allem im Urlaub, weil ich dadurch einen leichteren Koffer habe ;-). Aber gewöhnlich lese ich immer noch lieber die gedruckte Version, weil ich das Rascheln der Seiten und den Geruch so gern mag.

Was liest du selbst gern?
Krimis und humorvolle Bücher, gerne auch historisch. Und natürlich auch immer wieder Kinder- und Jugendbücher.

Welche fünf Kinder- und Jugendbücher würdest du immer wieder empfehlen?
Oh je, nur fünf, das wird schwierig. “Die Gebrüder Löwenherz” von Astrid Lindgren, das ist mein absolutes Lieblingsbuch, obwohl es das schwierige Thema “Tod” behandelt. “Die Unendliche Geschichte” von Michael Ende – da ist schon der Titel sehr vielversprechend.  “Tom Sawyer und Huckleberry Finn” von Mark Twain, “Wir pfeifen auf den Gurkenkönig” von Christine Nöstlinger, “Der Buchstabenfresser” von Paul Maar, weil er so schön mit Worten spielt.

Und als Bonus: “Wie die Kichererbsenprinzessin ihr Lachen zurückbekam” von Hilke Rosenboom und die Tintenherz-Trilogie, die ist zwar noch relativ jung, aber ich glaube, man kann sie schon zu den Klassikern zählen.

Zum Weiterlesen:

Malorie Blackman: “Himmel und Hölle” // “Noughts and Crosses”

Wurde Zeit, dass ich auf Malorie Blackman gestoßen bin, die britische Autorin hat schon über 50 Bücher veröffentlicht, ihr größter Erfolg bisher ist die “Noughts and Crosses”-Reihe. Das sind vier Bücher, auf Deutsch sind bisher drei erschienen: “Himmel und Hölle”, “Asche und Glut”, “Schachmatt”. Diese drei Bücher sind mir letztens in der Bibliothek ins Auge gesprungen, ich  habe Band 1, “Himmel und Hölle”, in einem Rutsch gelesen, das war eine recht lange Nacht …

Malorie Blackman: Himmel und Hölle

Den Titel “Himmel und Hölle” finde ich nicht so gut, seine Richtigkeit hat er aber schon, da es auch eine Liebesgeschichte ist, die von Sephy (Persephone) und Callum. Doch wichtiger als das ist, dass Sephy eine Alpha (in der englischen Version: Cross) und Callum ein Zero (englisch: Nought) ist. Die Alphas sind schwarz und regieren, die Zeros sind weiß und Menschen zweiter Klasse, ehemalige Sklaven, die entweder ihr Schicksal hinnehmen oder in der “Befreiungsfront” militant gegen die Alphas vorgehen. Von beiden Seiten kommt Hass und zwischendrin Sephy und Callum, die von Kindheit an Freunde sind und sich als Teenager verlieben …

Der Ansatz ist faszinierend: Malorie Blackman dreht die Geschichte um, nicht die Schwarzen sind die Unterdrückten, sondern die Weißen, die Handlung spielt in einer “anderen Jetztzeit” oder in einer nahen Zukunft. So schafft die Autorin Abstand und lässt einen neuen Blick auf das alte Thema zu. Indem sie es mit einer Liebesgeschichte verbindet und abwechselnd Sephy und Callum erzählen lässt, spricht sie so ziemlich alle Jugendlichen ab etwa 14 Jahren an, Mädchen wie Jungen.

Es ist ein Jugendbuch, also wird es dem erwachsenen Leser manchmal eine Spur zu pathetisch, emotional, simpel zugehen, aber: Die Geschichte packt, fesselt und macht nachdenklich, perfekt für die Zielgruppe. Ich freu mich auf die nächsten zwei Bücher (die ich ja schon aus der Bibliothek ausgeliehen habe).

Website der Autorin: www.malorieblackman.com
Malorie Blackman bei Twitter: twitter.com/malorieblackman

Tiere sind auch nur Menschen: “In Hamburg lebten zwei Ameisen” von Joachim Ringelnatz

Morgenstern, denke ich immer wieder, Morgenstern! Dabei ist es Ringelnatz – ein Bilderbuch ab fünf Jahren mit über zwanzig Gedichten von Joachim Ringelnatz und sehr schönen Illustrationen von Christine Sormann. Die titelgebenden Ameisen sind vorn auf dem Cover zu sehen. Dass sie nur vier (und nicht sechs) Beine bzw. zwei Arme und zwei Beine haben, muss natürlich so sein – weil diese Ameisen auch nur Menschen sind.

Zwei Ameisen aus Hamburg wollen nach Australien reisen, aber schon bei Altona ist die Puste raus, die Beine tun weh und sie lassen’s bleiben. Sie würden ja gern, aber … ach, zu Hause ist es doch auch schön! Sehr menschlich kommen auch rüber: Nilpferd, Elefant, Tintenfisch, Stachelschwein, Qualle, Storch, Walfisch, Hochseekuh und andere, eine bunte Menagerie, die Christine Sormann wunderbar in Szene setzt, mit klaren Strichen und Farben, mit Kontrasten und Mustern.

Auf jeder Buchseite steht ein Gedicht, immer zwei Gedichte sind sich vom Thema her nahe und also auch durch die Illustration verbunden. So steht zum Beispiel auf der linken Seite das Gedicht “Im Park” und auf der rechten Seite “Das Samenkorn”. Die linke Seite ist schwarz-weiß in der Nacht, die rechte Seite farbig am Tag, und der Baum in der Mitte erstreckt sich über beide Seiten, hinein in die Nacht und in den Tag. Die Illustrationen strahlen eher Ruhe aus und harmonisieren mit den jeweiligen Gedichten.

Und auch die Sprache passt zum Kinderbuch: zum großen Teil leicht verständlich (manche Wörter wird man einem Kind erklären müssen, kein Wunder, die Gedichte haben bald 100 Jahre auf dem Buckel), mit Lautmalerein, Quatschwörtern und Reimen. Das Buch kann man sich immer mal wieder nehmen und dem Kind oder den Kindern ein-zwei Gedichte vorlesen, die Bilder anschauen, Geschichten weiterspinnen. Zum Beispiel die von den zwei Ameisen, die vielleicht einen zweiten Versuch wagten und nicht schon in Altona hängenblieben, sondern es rund um die Welt bis nach Australien schafften und dort … nun, das ist eine andere Geschichte.

Joachim Ringelnatz
In Hamburg lebten zwei Ameisen
illustriert von Christine Sormann
Lektorat Constanze Steindamm
32 Seiten
21,9 cm x 27,8 cm
Lappan Verlag
ISBN 978-3-8303-1192-8
12,95 Euro

Geisterstunde in Pyeville Manor: “Detective Invisible” – “Kommissar Unsichtbar” von Corinna Wieja

Kinderbücher mit Detektiven gibt es viele, mit einem unsichtbaren Detektiv wohl eher nicht, mir fällt zumindest keins ein. Detektiv Jonathan Smartypants ist unsichtbar, weil er ein Geist ist. Also ein toter Detektiv, der herumgeistert, da er seinen letzten Fall nicht mehr lösen konnte, das aber seiner Auftraggeberin versprochen hatte. Und was man versprochen hat, das muss man auch … so ist das eben.

Smartypants spukt in einer alten Villa namens Pyeville Manor, in die es in den Sommerferien Josy mit ihrer Mutter (die aus Deutschland stammen) verschlägt. Josys Mutter hat überraschend die Villa geerbt und will dort ein Bed & Breakfast eröffnen. Genau, ein B & B, denn die Geschichte spielt in Großbritannien, in der Nähe von Brighton. In der Villa leben noch der Gärtner Mr Partridge und die Haushälterin Mrs Summer, die in den Ferien ihren Enkelsohn Jared zu Besuch hat.

Dass es in der Villa nicht mit rechten Dingen zugeht, merkt Josy gleich in der ersten Nacht: Da erscheint ihr Detektiv Jonathan Smartypants, und schon steckt Josy mitten in einem Kriminalfall – kann sie Smartypants helfen, seinen letzten Fall zu lösen?

Die Geschichte hat alles, was ein ordentlicher Kinderkrimi braucht: einen kniffligen Fall (Wo ist das “Himmelsherz”?), zwei Helden, die auf Trab sind – Josy und Jared –, einen sympathischen Sonderling – Jonathan Smartypants –, ein-zwei Verdächtige (hier keine Namen …), Spannung, Rätselraten, Humor … und eine gute Portion Englisch, denn “Detective Invisible” ist in der Langenscheidt-Reihe “deutsch-englische Krimis für Kids” erschienen.

Logisch, dass Englisch gesprochen wird, da Josy (wie gesagt) in Großbritannien ist, und Jared, Mrs Summer, Jonathan Smartypants und all die anderen nun mal englisch sprechen. Die Gespräche sind also zum großen Teil auf Englisch, der Rest der Geschichte auf Deutsch. Das ist eine gute Mischung und  kommt ganz natürlich rüber, man wird durch den Sprachenwechsel nicht aus der Geschichte geworfen. Manche Wörter und Wendungen sind im Text fett gedruckt und stehen ganz unten auf der Seite, mit Übersetzung. “Smartypants” heißt beispielsweise “Klugscheißer” – ob der Name zum Geisterdetektiv passt, kann man ja mal selbst nachlesen.

Fazit: “Detective Invisible” von Corinna Wieja liest sich flott weg, ist ab 10 Jahren und macht Appetit auf englischsprachige Bücher. Hat mir gut gefallen!

Website und Blog der Autorin
Eine Leseprobe findet sich hier: klick

Corinna Wieja
Detective Invisible – Kommissar Unsichtbar
Illustrationen von Jörg Hartmann
Langenscheidt Verlag
120 Seiten
6,99 Euro
ISBN: 978-3-468-20892-8