Christiane Kutik: „Herzensbildung. Von der Kraft der Werte im Alltag mit Kindern“

Einerseits kann man sich unter dem Titel etwas vorstellen. Andererseits finde ich ihn nicht so richtig überzeugend. Viel besser ist dagegen das Coverbild: mit dem Kind, das in sich hineinlächelnd vor einer sattgelben Wand sitzt.

Das Buch hat mich positiv überrascht. Ich hatte den üblichen Erziehungsratgeber erwartet, mit viel Text, mehr oder weniger gut verpackter Theorie und Regeln, die garantiert, vielleicht oder auch nicht hilfreich sind. Stattdessen: verhältnismäßig wenig Text. Am Anfang jedes Kapitels gibt es auf einer Doppelseite ein Bild, schöne, starke Bilder sind das, die zum jeweiligen Kapitel passen. Dann der Text, sozusagen in Häppchen, mit Zwischenüberschriften. Liest sich sehr schnell. Und lässt bald den Gedanken aufkommen, dass man das Buch nach dem Durchlesen nochmals zur Hand nehmen wird. Womöglich öfter.

Und was steht nun drin? Nichts Neues im Prinzip. Dinge, die auf der Hand liegen. Die man aber als Eltern immer mal wieder lesen und/oder hören muss, weil der Alltag seinen Sog hat und es viel zu leicht ist, sich treiben zu lassen. Weil Eltern und Kind sein jetzt anders ist als noch vor zehn Jahren. Weil jede Eltern-Kind-Beziehung etwas Besonderes, Einzigartiges ist, es aber Anhaltspunkte gibt. Das Buch ist eine Einladung an Eltern, ihre Beziehung zum Kind zu reflektieren, das eigene Verhalten infrage zu stellen. Und diese Einladung ist nicht verkopft, man kann sich im Gegenteil gut vorstellen, dass die Autorin das so auch erzählt, wenn sie Eltern coacht, nicht dogmatisch, sondern auf Augenhöhe und mit vielen Beispielen, konkreten Situationen, was den Text abwechslungsreich und lebendig macht.

Wie ist das mit dem Lügen, dem Helfen im Haushalt, dem Smartphone, dem Bestrafen, dem Belohnen, dem Selbstwertgefühl, dem Mitgefühl und und und? Ich finde es erstaunlich, wie viel in diesem Buch auf gerade mal 156 Seiten steckt, jede Menge Anregungen zum Nachdenken und gute, einfache Tipps. Und zwar nicht nur für Eltern von Kleinkindern, sondern auch von Jugendlichen.

Wenn man Elternblogs oder Elternzeitschriften liest, hat man oft genug den Eindruck, dass die anderen in der Erziehung „alles richtig machen“, denn wer posaunt schon Fehler und Negatives in die Welt hinaus? Da ist so ein Buch ganz hilfreich, weil hier angesprochen wird, was schieflaufen kann – aber auf eine aufbauende Art und Weise eben auch, wie es anders ginge.

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Christiane Kutik: Herzensbildung. Von der Kraft der Werte im Alltag mit Kindern
158 Seiten
Verlag Freies Geistesleben 2016
ISBN: 978-3-7725-2744-9
18,90 Euro

Layne Mosler: „Taxi Gourmet“

Und wieder mal war es das Cover, das mich neugierig gemacht hat: weißer Hintergrund, in der Mitte ein gelber Teller, auf dessen Rand ein Auto fährt und außerdem Wahrzeichen verschiedener Städte stehen, gespickt mit Essen: einer Wurst, Chilischoten usw. Ums Essen geht es also und um das Herumkommen in der Welt, das legt auch der Titel „Taxi Gourmet“ nahe. „Auf der Suche nach dem Geschmack des Lebens und der Liebe“, wie der Untertitel heißt, ist Layne Mosler, die sich die Geschichte nicht ausgedacht, sondern so oder so ähnlich selbst erlebt hat.

Layne Mosler stammt aus Kalifornien und hat ein Blog namens „Taxi Gourmet“, das ich vor dem Buch nicht kannte. Das macht aber nichts, das Buch ist auch ohne Blog spannend, es steht für sich.

„Taxi Gourmet“ ist also die Geschichte einer jungen US-Amerikanerin, die nach Buenos Aires ging und dort Tangotanzen lernte, die es dann aber nach New York und zuletzt nach Berlin zog. Dass das ein „echtes Leben“ ist, macht für mich den Reiz des Buches aus, es ist gerade kein Roman und auch keine Biografie einer irgendwie berühmten Persönlichkeit. Das öffnet Tür und Tor, sich mit Layne Mosler, die in der Ich-Form erzählt, bis zu einem gewissen Grad zu identifizieren oder zu staunen, was sie sich traut, so absolvierte sie in New York eine Ausbildung zur Taxifahrerin und fuhr dann auch tatsächlich. Und selbst wer noch nie in New York war, wird eine Vorstellung von dieser Stadt haben und davon, dass es kein Zuckerschlecken sein kann, dort als Taxifahrerin unterwegs zu sein.

In Buenos Aires hatte Layne Mosler sich noch darauf beschränkt, in Taxis mitzufahren, und einmal bat sie einen Fahrer, sie zu seinem Lieblingsrestaurant zu fahren – die erste von vielen Taxifahrten auf der Suche nach gutem Essen und zugleich die Geburtsstunde von „Taxi Gourmet“ … Um die Liebe geht es ebenfalls, um Begegnungen mit Leuten in den drei Städten, um die Städte selbst. Das liest sich süffig, ist fesselnd und auch mal berührend. Das Buch ist mit über 400 Seiten kein Leichtgewicht, aber keinesfalls schwere Kost. Und hat mit Sicherheit schon etliche Leute zur Nachahmung angeregt, in den verschiedensten Ländern und Städten …

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Layne Mosler: Taxi Gourmet. Auf der Suche nach dem Geschmack des Lebens und der Liebe
Aus dem Amerikanischen von Sabine Thiele
416 Seiten
Droemer TB 2016
ISBN: 978-3-426-30109-8
14,99 Euro

„Wenn der Kopf hinausgeht, ganz weit fort. Wie Menschen mit Demenz das Leben sehen“

Die Herausgeberinnen dieses Buches, Kathrin Feldhaus und Margarethe Mehring-Fuchs, haben über ein Jahr lang immer wieder Menschen mit Demenz in drei Pflegeheimen in Baden-Württemberg besucht. Sie haben mit ihnen geredet, Fotos gemacht, zugehört. Und einige Gespräche, Äußerungen, Fotos, Zettel haben sie auf 136 Seiten auf sehr ansprechende Art und Weise – mit der Schrift in Rot und Schwarz, verschiedenen Schrifttypen und -größen – versammelt.

Demenz ist längst ein Thema, über das man nicht nur in Apothekenzeitschriften liest. Es werden sogar Romane darüber geschrieben. In vielen, vielleicht den meisten Familien gibt es jemanden, die oder der von Demenz betroffen ist. Wie sich die Demenz entwickelt, ist sicher individuell ganz verschieden, aber wie bei jeder Krankheit existieren Gemeinsamkeiten. Und so geht es in diesem Buch von Kathrin Feldhaus und Margarethe Mehring-Fuchs zwar um ganz bestimmte Menschen, die zu einer bestimmten Zeit etwas geäußert haben, aber Angehörige von Demenzkranken werden einiges wiedererkennen und Leserinnen und Leser, für die das Thema Demenz Neuland ist, bekommen einen guten Einblick.

Für mich ist die Botschaft dieses Buches, dass man sich, wenn man mit Demenzkranken zu tun hat, ohne Vorurteile und offen auf sie einlassen sollte. Die Demenz verändert diese Menschen, aber sie sind nach wie vor da, mit allem Denken und Fühlen. Mich hat im Buch beispielsweise eine Szene sehr berührt, als ein Herr Scholz den Schneewalzer singt. Wenn vieles andere längst vergessen ist, bleiben oft noch die Lieder.

Zum Buch gehört eine CD mit dem Titel „Bruchstücke“ mit Aufnahmen aus den Pflegeheimen sowie Gedichten von Tobias Gralke. Das Buch und die CD sind lesens- und hörenswert, und wahrscheinlich war es längst überfällig, dass mal nicht über Menschen mit Demenz geschrieben wurde, sondern sie selbst zu Wort kamen.

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Kathrin Feldhaus und Margarethe Mehring-Fuchs: Wenn der Kopf hinausgeht, ganz weit fort. Wie Menschen mit Demenz das Leben sehen
Herausgegeben von der Veronika-Stiftung
136 Seiten
mit Audio-CD
Patmos 2016
ISBN: 978-3-8436-0706-3
16,99 Euro

Gina Mayer: „Theo und Oleander und der unsichtbare Mops“

Theo bekommt eine Fünf in Mathe und steckt das wesentlich lockerer weg als seine Eltern. Die stocken kurzerhand die Mathe-Nachhilfe von ein Mal pro Woche auf drei Mal auf, und das soll so bleiben, bis Theo eine Drei schreibt. Dummerweise kann Theo deswegen nicht mehr zum Fußball und der Nachhilfelehrer wechselt auch, Herr Oleander von nebenan soll nun mit Theo Mathe pauken.

Wie langweilig, könnte man jetzt denken, Mathe, Nachhilfe, was soll das werden, ein Kinderbuch zum Weglegen? Keine Angst, das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend, lustig, überraschend, es liest sich federleicht mit Sogwirkung, man kommt gar nicht weg davon. Das liegt an der Geschichte, an der Erzählweise und an den Figuren, die alle gleichzeitig bodenständig und ein bisschen durchgeknallt sind, wozu die Illustrationen von Pe Grigo, die sich durch das ganze Buch ziehen, perfekt passen.

Herr Oleander lebt mit Frau Oleander zusammen, die jedoch nicht seine Frau, sondern seine Schwester ist, Friedegard mit Vornamen, beide sind ziemlich alt, aber wie alt, kann Theo nicht schätzen, Erwachsene halt. Herr und Frau Oleander haben einen Mops namens Roswitha (yes!) und einen Untermieter, den Mathe-Studenten Tobias. Ja, und man ahnt es vielleicht schon, statt Mathe-Nachhilfe gibt es ein rasantes Abenteuer – Friedegard Oleander wird entführt und Theo muss all seinen Grips und Mut zusammennehmen, um sie zu retten. Herr Oleander als Mathematiker ist ihm dabei nicht immer eine Hilfe, er ist eben doch eher Theoretiker …

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Gina Mayer: Theo und Oleander und der unsichtbare Mops
Illustrationen von Pe Grigo
144 Seiten
ab 8 Jahren
ueberreuter 2016
ISBN: 978-3-7641-5087-7
9,95 Euro