Sam Usher: „Regen“

Einfach nur „Regen“ ist der Titel dieses Bilderbuchs, und Regen gibt es auch gleich auf dem Cover, nicht nur zum Anschauen, sondern sogar zum Fühlen: Die Tropfen (und das Wort „Regen“) sind erhaben, immer wieder anfassen und drüberstreichen möchte man. Wenn man das Buch aufschlägt, wird auf den großen Seiten mit viel Regen – von Tropfen bis Bindfäden – eine unkomplizierte kleine Geschichte erzählt.

Es regnet heftig, doch ein Junge, der bei seinem Opa ist, möchte trotzdem raus. Er erklärt seinem Opa, was man bei Regen alles Schönes machen kann, doch sein Opa will warten, bis es aufhört zu regnen. Als ein Brief kommt, setzt sich der Opa sofort hin, um ihn zu beantworten. Der Junge schaut indessen zum Fenster raus in den Regen und außerdem verschiedene Bilderbücher an, unter anderem eins über den Karneval in Venedig. Als der Opa mit dem Brief fertig ist, geht er endlich mit raus, zufällig hat es kurz aufgehört zu regnen. Und der Weg zum Briefkasten wird eine kleine Fantasiereise, nicht in Worten, aber in Bildern.

Die Bilder sind sehr schön, irgendwie „typisch englisch“, sie erinnern vom Stil her an Quentin Blake und ein paar Dinge kann man auch als „englisch“ identifizieren, das Haus, den Briefkasten und den Toasthalter zum Beispiel. In manchen Draußen-Bildern passiert nicht viel mehr als dass es Bindfäden regnet und das Wasser steigt, spannend sind die Spiegelwelten, die der Regen zaubert. Die Spielsachen des Jungen, die man in seinem Zimmer sieht, tauchen später in den Fantasiebildern wieder auf.

Während ich die Bilder also prima finde, überzeugt die Geschichte mich nicht so richtig. Der Opa, der erst rausgehen will, wenn es aufhört zu regnen, nervt. Der Junge beschäftigt sich, solange sie drinnen warten, die ganze Zeit selbst, was schon sehr erstaunlich ist. Und die Fantasiereise könnte „organischer“ in die Geschichte eingebaut sein … Aber egal, letztendlich kommt es auf die Bilder an, und die kann man einfach genießen. Bis zum nächsten Regen!

Sam Usher: Regen
Aus dem Englischen von Meike Blatnik
Lektorat: Christiane Lawall
40 Seiten
ab 4 Jahren
annette betz 2017
ISBN: 978-3-219-11727-1
14,95 Euro

Kate Frey: „Cat Deal. Die Kunst zu stehlen“

Cat lebt in London, ist sechzehn, Waise und Diebin. Keine Taschendiebin, sondern ein-zwei Nummern größer: Sie steigt gezielt in Gebäude ein, knackt Tresore und bringt die Ware dann ihrer Hehlerin. Das macht sie stets allein, abgesehen von Simon, ihrer Ratte. Ja, eine Ratte, die bei Cat im Hausboot wohnt und alles zu verstehen scheint, was Cat sagt, aber reden kann sie immerhin nicht.

Als ein Bruch schiefgeht, hat Cat ein Problem, und auch sonst wird ihr Leben auf einmal ziemlich auf den Kopf gestellt: Der reiche englische Adlige Lord Peter will sie als Diebin in sein Kunstraub-Team holen und sie trifft einen Jungen, der sie nicht kaltlässt. Zudem stehen in der Schule Prüfungen an und Cat weiß nicht, wie es danach weitergeht, College oder nicht?

Das sind ja schon mal gute Zutaten für eine kurzweilige Story, aber, Überraschung: „Cat Deal“ bietet mehr. So will Lord Peter die Kunstwerke nicht für sich oder zu Geld machen, sondern – nun ja, das verrate ich jetzt nicht. Fand ich jedenfalls eine gute Idee, und sie verleiht der Geschichte etwas Tiefe. Interessante Infos sind außerdem eingebaut zu ganz verschiedenen Themen, zum Beispiel Einbrechen, Kunstmarkt, Beutekunst, Darknet, Selbstverteidigung für Frauen … Und das meist so, dass es locker rüberkommt.

Falls ich hier Sternchen vergeben würde, bekäme „Cat Deal“ ziemlich viele, aber nicht alle, da das ein oder andere etwas schwächer umgesetzt ist als der Rest, und das Ende fand ich eine Spur zu abrupt, auf einmal stand da: „to be continued“. Ja, eine Sache wird im Buch schon ordentlich angeteasert, doch die Lösung gibt’s (wahrscheinlich) erst im nächsten Band. Um noch mal auf die vielen Sternchen zurückzukommen: Ich hatte eine nette, einfach nur unterhaltsame Story erwartet und war dann angenehm überrascht – von der Heldin, dem Erzählstil, den Inhalten, den Infos … Im Großen und Ganzen also: ein prima Buch.

Kate Frey: Cat Deal. Die Kunst zu stehlen
Lektorat: Emily Huggins
320 Seiten
ab 12 Jahren
ueberreuter 2017
ISBN: 978-3-7641-7066-0
14,95 Euro

„Henrietta spürt den Wind“ von Jochen Weeber und Fariba Gholizadeh

Henrietta, genannt Henry, geht in die erste Klasse und hat nur ein Hobby: Computerspielen. Egal ob es draußen hell oder dunkel, Winter oder Sommer ist, Henry sitzt an ihrem Tisch, mit dem Rücken zum Fenster, und spielt Computer. Durch ebendieses Fenster kommt eines Frühlingstages mit Krach und Scherben ein Ball geflogen: Ole, Paul und Luise aus der Parallelklasse sind schuld, rennen aber nicht weg, sondern schauen, ob Henrietta okay ist, und fragen sie nach ihrem Computerspiel – bei dem man Spinnen, Käfer, Libellen und Frösche fangen muss.

Henrietta geht mit den dreien raus, sie springen über den Bach, klettern auf einen Baum, liegen im Gras, beobachten eine Amsel und landen schließlich im Wald bei den kleinen Tümpeln, in denen sich Kaulquappen tummeln und winzige grüne Frösche. Einen nehmen sie ganz vorsichtig hoch und lassen ihn von Hand zu Hand springen. Henrietta schließt die Augen, spürt den Frosch in der Hand und hört den Wind in den Bäumen.

Das letzte Bild im Buch zeigt Henrietta abends im Bett, ihr Vater sitzt auf der Decke, beide haben die Augen geschlossen und halten eine Hand hoch, als hielten sie einen Frosch …

Wunderbar ist, dass dieses Bilderbuch ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. Computerspielen wird nicht verurteilt, sondern eine Alternative gezeigt: draußen zusammen mit Freunden spielen und mit allen Sinnen die Natur erleben. Wunderbar sind auch die Illustrationen von Fariba Gholizadeh. Sie sind farbenfroh, aber nicht schrill, abwechslungsreich, aber nicht unruhig. So gibt es bei den vier Kindern vier verschiedene Haarfarben, ein leuchtendes Rot bei Henrietta, bei den anderen blond, schwarz und braun. Baumstämme sind weiß, bläulich, grün bis braun, und manche Bäume erinnern von der Form her an Kaulquappen. Kleine Details fallen auf, wenn man die Bilder genauer anschaut, so bekommt die Topfpflanze an Henriettas Fenster mit jedem Bild mehr Blüten, bis sie schließlich vom Ball getroffen auf den Fußboden fällt. Henriettas Katze spielt weiter keine Rolle, sitzt oder läuft aber immer wieder durchs Bild.

Für ein Bilderbuch hat „Henrietta spürt den Wind“ relativ viel Text, aber in ordentlich großer Schrift und mit einfachen, nicht zu langen Sätzen. Wörter und Bilder harmonieren, besonders auf den ersten Seiten ergänzen sie sich perfekt. Kurzum: ein schönes Buch, in jeder Hinsicht.

Henrietta spürt den Wind
Text: Jochen Weeber, Illustrationen: Fariba Gholizadeh
32 Seiten
ab 4 Jahren
Patmos Verlag 2017
ISBN: 978-3-8436-0881-7
12,99 Euro

Ava Reed: „Wir fliegen, wenn wir fallen“

Manche seiner Wünsche und Träume konnte der alte Phil nicht mehr verwirklichen, bevor er starb, und zehn davon stehen auf einer Liste, die er seinem Enkel Noel und dem Mädchen Yara hinterlässt. Sein letzter Wunsch ist, dass sie diese Liste abarbeiten, das Geld dafür bekommen sie von ihm. Was praktisch ist, da einige Punkte auf der Liste doch kostenintensiv sind, zum Beispiel Nordlichter beobachten und im Louvre alle Bilder ansehen.

Mehr als die Liste an sich macht Noel und Yara zunächst zu schaffen, dass sie sie gemeinsam umsetzen sollen, denn sie kennen sich nicht und finden sich auf den ersten Blick eher nervig als nett. Zudem haben beide ein ziemliches Päckchen zu tragen, die Vergangenheit lässt sie nicht ohne Weiteres los. Und so ist „Wir fliegen, wenn wir fallen“ die Geschichte einer Reise, aber auch einer Annäherung.

Passend dazu kommen Yara und Noel abwechselnd zu Wort, und in welche Richtung sie sich bewegen, verrät eigentlich schon das Coverbild, das ich abgesehen davon sehr gelungen finde, Farbe und Motive gleichermaßen. Nicht nur der Schutzumschlag ist ein Hingucker, sondern auch der Bucheinband selbst, weiß mit Pusteblumenschirmchen in diesem schönen Magentaton.

Die Geschichte ist packend und mit viel Gefühl erzählt, sie zeigt zwei junge Menschen in einer Ausnahmesituation, nach dem Tod eines geliebten Menschen und fast nonstop auf aufregenden Reisen, was natürlich ein dankbares Setting ist – Alltag und andere (wichtige) Menschen können einfach ausgeblendet werden, im Prinzip gibt es nur diese zwei, Yara und Noel. Was ich zu wenig und insgesamt manchmal etwas flach umgesetzt finde, aber das stört letztendlich kaum und die meisten Teenager, für die dieses Buch gedacht ist, wahrscheinlich überhaupt nicht.

Ava Reed: Wir fliegen, wenn wir fallen
Lektorat: Emily Huggins
300 Seiten
ab 12 Jahren
ueberreuter 2017
ISBN: 978-3-7641-7072-1
16,95 Euro